Frank Stronach: Traurig, aber wahr.

Was können wir aus der – auf den ersten Blick – durchaus unterhaltsamen Geschichte rund um die politischen Bestrebungen des Exil-Steirers und Self-Made-Industriemagnaten Frank Stronach ablesen? Handelt es sich einfach um die schrullige Idee eines alten Mannes oder gehen wir gar den nächsten Schritt in Richtung Plutokratie? So einfach wird die Antwort nicht sein.

Frank Stronach. Self-Made-Milliardär und Neo-Politiker

Frank Stronach. Self-Made-Milliardär und Neo-Politiker (Bild: Steindy/CC)

Frank Stronach ist ein schrulliger alter Mann, der in der Vergangenheit einige bemerkenswerte persönliche Erfolge verzeichnen konnte. Mit einer gehörigen Portion Chuzpe ausgestattet, ging Stronach (damals hieß er tatsächlich noch Franz Strohsack) aus seiner oststeirischen Heimat fort, um die Welt zu erobern. Ohne sonderlich viel Eigenkapital (man munkelt, er wäre mit nichts als 200 Dollar und einem One-Way-Ticket in der Tasche losgezogen) hat er in vergleichsweiser kurzer Zeit ein Unternehmen aufgebaut, das in weiterer Folge zu einem Global Player erwachsen sollte und heute mehr als 100.000 Menschen in aller Welt beschäftigt. Das eine oder andere Quentchen Glück mag durchaus dabei gewesen sein (etwa der gewaltige Aufschwung der kanadischen Automobilindustrie in den spätern 1960er Jahren), aber primär war vermutlich sein großer persönlicher Ehrgeiz, es an die Spitze zu schaffen, verantwortlich für den Erfolg.

Heute, mit seinen stolzen nunmehr 80 Lenzen, schickt sich Stronach an, die heimische Politik zu erobern. Verglichen mit seinen Errungenschaften als Industrieller und angesichts seiner kolportierten Privatvermögens von rund 1,2 Mrd. Dollar (lt. Forbes) eigentlich ein beinahe bescheidenes Ziel. Dass er bei seinem politischen Erstversuch im Jahre 1988 scheiterte (im Gegensatz zu seiner Tochter Belinda, die 2004 als Abgeordnete ins kanadische Unterhaus gewählt wurde), wird ihn in seinem Plan kaum einschränken.

11 Prozent

Als einigermaßen aufmerksamer Beobachter der Vorgänge in der heimischen Politik lächelt man im ersten Augenblick milde über die Bestrebungen Stronachs und schmunzelt angesichts seiner schrulligen Auftritte in der Öffentlichkeit. Sein „Antritts“-Interview bei Lou Lorenz-Dittlbacher in der ZIB2 beispielsweise (zu sehen etwa hier im stets sehenswerten YouTube-Stream von @AnChVie) erreichte mittlerweile beinahe Kultstatus. Auch bei den Umfragewerten, die inzwischen – je nach Erhebung – teils über die 10-Prozentmarke klettern, amüsiert man sich eher über die fragenden Gesichter bei den orthodoxen Haideranern des BZÖ, dem vorrangig die potenziellen Wähler davonlaufen, um Stronachs frisch aus der Taufe gehobenen Partei „Team Stronach“ das Vertrauen zu schenken, als aus der Fassung zu geraten, weiß man doch aus Erfahrung, dass am Wahlsonntag selten so heiß gegessen wird, wie in Polls lange vor Anlaufen des Wahlkampfs gekocht wird.

Die große Wahlsensation, die Frank Stronach in all seiner ihm zueigenen Bescheidenheit („Ja, unser Ziel ist der erste Platz“) und Demut anzukündigen pflegt, wird es aller Wahrscheinlichkeit nach nicht werden. Die ersten Zweifel regen sich jedoch dann, wenn man bedenkt, wohin die Reise zu gehen droht. Ein Zitat, dass Stronach immer wieder gerne platziert, lautet: „Wer das Gold hat, macht die Regeln“. Und davon hat Stronach bekanntlich mehr als zur Genüge.

Reicht Straches Erfolgsrezept minus Ausländerhetze plus Kohle?

Nüchtern betrachtet ist die Glaubwürdigkeit und Authentizität des Herrn Stronach natürlich eher bescheiden. Das Parken seines (Privat-)Vermögens in der Schweiz etwa steht seiner plakativen Forderung „Schluss mit Steuerprivilegien“ und der großen – im Grundsatzprogramm propagierten – „Heimatverbundenheit“ eher entgegen. Die Slogans werden aber dennoch bestens funktionieren, auch wenn dahinter kein ausformuliertes Parteiprogramm steht.

Dass eine Partei ohne festgeschriebene Inhalte keine Chancen auf einen Wahlerfolg haben kann, wurde nicht zuletzt von den Piraten eindrucksvoll falsifiziert. Eine neue Idee, eine spannende Geschichte, ein originelles Image und andere von einem Parteistatut weit entfernte Eigenschaften zählen bei einem überwiegenden Teil der Wähler deutlich mehr als Programme. Die Anzahl derer, die vor einem Urnengang anhand eingehenden Studiums der Programme eine Entscheidung für oder wider eine bestimmte politische Gruppierung treffen, darf getrost als überschaubar eingeschätzt werden. Es zählt die Marke, das Bild nach außen, die Sprüche, die Slogans, die über die unterschiedlichsten Kanäle transportierten Haltungen zu Einzelthemen, die bei jedem Einzelnen subjektiv im Vordergrund stehen.

Es sind Worthülsen, die – für sich und individuell betrachtet – keineswegs neu sind. Es geht zum Teil gegen die europäische Gemeinschaftswährung, es geht gegen den „Wohlfahrtsstaat“, es geht um „Leistung“ und auch eine Verwaltungsreform steht auf seinem Plan. Zudem soll innerhalb von fünf Jahren das Steuersystem komplett zugunsten einer Flat Tax umgekrempelt werden. Es handelt sich also um eine grellbunte Mischung aus Parolen der FPÖ, des BZÖ, und auch einiges aus dem Themenpool der ÖVP ist in seinen Slogans verpackt. Aus diesem Grund räumen Politologen und Journalisten der neuen Partei auch höchst realistische Chancen zu, wenn es um den Einzug ins Parlament nach den bevorstehenden Nationalratswahlen geht. Speziell bei Blau und Orange soll es für den Neo-Politiker reiches Potenzial geben. Immerhin etwas positives.

All diese Dinge sind natürlich keineswegs neu. Es kommt allerdings eine neue Komponente hinzu, die mich ein wenig sorgenvoll stimmt. Wir bekommen in diesen Tagen etwas vorexerziert, was aus demokratischer Sicht höchst alarmierend ist, nämlich der offene und direkte Zusammenhang zwischen eingesetztem Kapital und erkauftem Stimmenanteil. Das, was in den USA, also einem Land, in dem die Demokratie längst am Boden liegt und sich widerstandslos den unangenehmsten Eigenheiten der Staatsreligion Kapitalismus unterworfen hat, seit gefühlten Ewigkeiten Alltag ist, schwappt in die „Alte Welt“ über:

Wer in den Vereinigten Staaten ohne ein zahlreiche Millionen umfassendes Vermögen etwa über eine Kandidatur für Kongress oder Senat nachdenkt, sollte seine Zeit lieber gleich sinnvoller verbringen. Es wäre völlig aussichtslos, sich alleinig auf Wahlspenden verlassend einem solchen finanziellen Aufwand zu stellen. Hat man das Geld nicht selbst auf der Kante, muss man sich auf „wohlwollende“ Gönner verlassen können, die ihr Geld jedoch nicht ohne nennenswerte Gegenleistungen oder Aussicht auf entsprechende Renditen in einen Kandidaten investieren.

Das wird teuer. Ungeheuer teuer.

Das Team Stronach wird uns in den kommenden Wochen und Monaten beweisen, dass diese Dynamik nun auch in Österreich angekommen ist. Viel mehr als je zuvor werden Wählerstimmen mit brachialem Werbeaufkommen richtiggehend eingekauft werden. Was die „etablierten“ Parteien an Wahlkampfbudgets aufbringen können, ist für Stronach der sprichwörtliche Griff in die Portokasse. Ich nehme an, sein kläglicher Versuch im Jahre 2007, einen Red Bull-Killer namens „Frank’s Energydrink“ zu positionieren, wird ihm ein Vielfaches dessen gekostet haben, was die derzeitigen Parlamentsparteien zusammengenommen in ihre Wahlkämpfe zu investieren überhaupt in der Lage sind. Und so richtig vernichtend war die damalige Niederlage gegen Mateschitz ganz offensichtlich nicht, wenn man die heutige Vermögenssituation Stronachs betrachtet. Vom Multimillionenspektakel „Frank’s“ ist heute nur noch eine halbseidene Facebook-Page übrig, die Domains franksenergy.at und franksenergy.com sind gar bei World4You bzw. GoDaddy.com ungenutzt geparkt, Stronach residiert aber (natürlich nur zeitweise, schließlich stellte er jüngst in einem Interview fest, dass sein Hauptwohnsitz sein Flugzeug sei) immer noch in einem Anwesen, das einem durchschnittlichen Adelssprössling die Schamesröte ins Gesicht zu treiben vermag.

Es darf also getrost davon ausgegangen werden, dass das Team Stronach mit einer ausreichend gefüllten Kriegskassa an den Start gehen und bei den Marketingaktivitäten nicht gekleckert werden wird. Darüber hinaus ist zu erwarten, dass die markigen Sprüche in Richtung „Leistung muss sich lohnen“ und Euro-Kritik die großen Boulevardblätter milde stimmen – und sollte das noch nicht ausreichen, dann können sich Fellner, Dichand & Co vermutlich der einen oder anderen mittelprächtigen Kampagnenserie sicher sein.

Fazit

Es bleibt also abseits des Amusements über die Skurrilität des Frank Stronach der bittere Beigeschmack, dass die Hinwendung zur Plutokratie, die ja ohnehin bereits auf Schiene ist, rapide an Fahrt aufnehmen könnte, sollte Stronach tatsächlich mehr als nur einen Achtungserfolg erzielen.

Die Formulierung „Wahrheit, Transparenz und Fairness“ im Grundsatzprogramm des Team Stronach funktioniert also als Akronym „WTF“ tatsächlich bestens.

Roland B. Seper

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