Lokaltipp für Nerds und Genießer: Das Restaurant Viereck

Zugegeben, ich bin kein sonderlich versierter Lokaltester, Foodblogger oder gar Gourmetguide, aber an dieser Stelle sei mir eine Ausnahme erlaubt. Hintergrund: Ich war heute aus beruflichen Gründen mit Kollegen im Restaurant Viereck, einem bisher in dieser Form in Österreich einzigartigen Lokal, das ich aus so vielen Gründen empfehlen kann, dass es mir einen Blogeintrag wert ist.

Schild mit Logo

Das Logo des Restaurant Viereck weist bereits auf das moderne Konzept hin/Bild: Viereck

Das Restaurant Viereck, das erst im April dieses Jahres von den vier Studenten Stephan Beyer, Bastian Rüther, Markus Müller und Richard Pöttinger (den vielleicht jüngsten Gastronomen Österreichs – sie sind allesamt Anfang 20) eröffnet wurde, konnte innerhalb dieser enorm kurzen Zeit bereits zum Insidertipp mit bevorstehendem Kultstatus heranwachsen. Dies liegt einerseits an der qualitativ absolut hochwertigen Küche, der außergewöhnlich kreativen Speisen- und Getränkekarte und der vorteilhaften Lage. Andererseits trägt das systemgastronomische Konzept, das die vier Jungs verfolgen, enorm zu meiner Begeisterung bei: Das gesamte Auswahl- und Bestellwesen wird mittels eigens entwickelter Software für Android-basierte Tablets abgewickelt.

Eigentlich ist die Idee ja beinahe simpel: Der Gast bekommt im Restaurant Viereck anstelle einer gedruckten Karte ein Tablet in die Hand gedrückt, auf dem das gesamte Speisen- und Getränkeangebot abgebildet ist. Die Auswahl erfolgt via Selektion von Kategorie (etwa „Pasta“), dann Auswahl der entsprechenden Speise und weiterer Verfeinerung (etwa „sehr scharf“ oder „ohne Tomate“) der Order. Sobald die Speise bestellt wird, wird auf einem Screen in der Küche die Bestellung angezeigt und der Koch legt los. Ist die Speise fertig, übergibt der Koch mittels Touchscreen die Speise an den Service, der die Köstlichkeit überbringt. Gleichermaßen werden Getränkeorders an der Bar angezeigt und in wenigen Augenblicken ist der Gast versorgt.

Von Allem etwas, bitte!

Eine der Besonderheiten: Die meisten Gerichte werden als vergleichsweise kleine Portion, also beinahe im Ausmaß einer Degustation gereicht. Für mich persönlich ist das ein Konzept, das ich in vielen – um nicht zu sagen: den meisten – Restaurants flehentlich vermisse. Wie oft konnte ich mich schon angesichts der Auswahl kaum entscheiden und musste mich dann mit einer einzigen aus der Fülle ausgewählten Speise „begnügen“. Im Viereck wird man eingeladen, sich buchstäblich durch die Karte zu kosten. Die Preise sind diesem Konzept allerdings angepasst, was – angesichts der bewusst bemerkenswert hoch gehaltenen Qualität – durchaus erfreulich ist. Auf der Rechnung bleibt dementsprechend ein vier-, fünf- oder gar sechsgängiges Menü auf dem Niveau dessen, was man andernorts für zwei oder drei „herkömmlich“ dimensionierte Gänge zu entrichten hat.

Das Viereck-Tablet im Einsatz

Beim heutigen Lunch im Viereck konnte ich das Konzept endlich auch höchstpersönlich erleben

Das neben der Güte des Essens wesentliche Element eines Besuchs im Viereck ist der Spaßfaktor, wenn man sich durch die Speisen clickt bzw. tapt. Die reich bebilderte Karte (die darin gezeigten Fotos sind übrigens allesamt im Viereck selbst entstanden!) durchzuscrollen, das ungewöhnliche Sortiment an Getränken zu erkunden (im Viereck trinkt man anstelle des Obi-g’spritzt ein Mohr Sederl Apfel Karotte, anstelle des Sirup-Cokes ein Curiosity Cola – oder man greift gleich zu Fentiman’s Rosenblütenlimonade) und mit der App selbst „zu spielen“ ist geradezu ein Erlebnis.

Genial oder banal? Beides!

Dies alles klingt auf den ersten Blick recht banal und lockt kaum einen halbwegs affinen Nutzer zeitgemäßer Technologien hinter dem Backofen hervor. Die sich aus dem Konzept ergebenden – und im 4eck rege genutzten Möglichkeiten – sind jedoch weitreichender, als man glauben möchte. Geht in der Küche etwa ein bestimmter Fisch zur Neige, kann der Koch dies sofort im Angebot aktualisieren und die Gäste bekommen die ausgegangene Speise erst gar nicht mehr zu Gesicht. Die gesamte Karte lässt sich damit zu jedem beliebigen Zeitpunkt am aktuellen Stand halten. Kein „Tut mir leid, aber das ist aus…“ des Kellners mehr, wenn man sich gerade so richtig auf eine Speise freut.

Weiters erlaubt das System unterschiedliche Angebote im Tagesverlauf, ohne unterschiedliche Speisekarten auflegen zu müssen. Über die Mittagszeit können Menüfolgen angeboten werden, die Nachmittags einer erweiterten Getränkekarte weichen, Abends kommen Cocktails hinzu, etc. Die persönliche – und durchwegs freundliche – Bewirtung kommt trotz des elektronischen Bestellwesens übrigens keineswegs zu kurz – ganz abgesehen davon, dass man mittels Tab auf einen prominent platzierten Button jederzeit nach einer Kellnerin oder einem Kellner „rufen“ kann.

Dessert: Kastaniencreme Brulée

Als Abschluss des heutigen Besuchs genoss ich noch eine herrliche Crème Brulée von Kastanien – ein Gedicht!

Die Software unterliegt selbstverständlich laufender Weiterentwicklung. Wir konnten heute bereits einen Blick auf die nächste Version werfen, die in Kürze in Betrieb gehen wird. In dieser wird dann auch ein umfassendes Feedbacksystem implementiert, mit der die Gäste jederzeit einzelne Speisen bewerten können. Die Optimierung der Speisekarte wird somit nicht (nur) durch das potenziell durch „Betriebsblindheit“ beeinflusste Team vorgenommen, sondern jede einzelne Bewertung trägt dazu bei, dass das Angebot stets dem entspricht, was die Klientel möchte.

Hinzu kommt noch ein weiterer Bereich, der u.a. ePaper-Ausgaben von Zeitungen anbieten soll oder auch kleinere Spiele für Kinder, dass diesen nicht allzu langweilig wird, während die Eltern noch über die besondere Güte der Speisen sinnieren…

Mitbewerb? Nicht in Österreich.

Derzeit gibt es in Österreich (noch?) kein vergleichbares Lokal. Die Idee ist zwar keineswegs neu, aber bisher hat sich noch kein derartiges Konzept bei uns etabliert. Einzig die Kette Vapiano (fünf Restaurants in Österreich, etwas mehr als 100 international) hat einen ähnlichen Ansatz. Für ein „Tablet-Restaurant“ mit adäquat hochwertiger Küche muss man schon mindestens nach Bayern reisen, um dort eines der deutschlandweit drei „La Baracca“ zu besuchen.

In den USA ist man einen kleien Schritt weiter: Dort bietet das Unternehmen E la Carte Inc. bereits das System „Presto“ an (siehe auch Bericht auf businessweek.com May the Tablet Take Your Order?), das in Form eigens für den Einsatz in der Gastronomie entwickelter Hardware angeboten wird und dank white-label software nicht mehr auf ein einzelnes Lokal oder eine Kette beschränkt ist.

Ich gehe davon aus, dass ein solches Produkt in absehbarer Zeit in heimischen Etablissements Einzug halten wird, für den Moment jedoch sind die Jungs vom Viereck quasi Pioniere in Sachen Tablet-Restaurant. Und sie können verdammt gut kochen.

Hingehen und erleben!

Roland B. Seper

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