Hiniches Auftrittsverbot

Ich bin zwar sicher einer der Allerletzten, die eine Lanze für eine Band wie Die Hinichen brechen wollten, aber dass sie Auftrittsverbot bekommen, kann ich dennoch nur bedingt nachvollziehen.

Roland Seper

Roland Seper

Die Hinichen, eine grobschlächtige Proll-Rock Band aus Wien, bekommt Auftrittsverbot (genauer: dem Veranstalter würde Subvention durch die Stadt Wien aberkannt), weil sie frauenfeindliche und gewaltverherrlichende Texte im Rahmen ihrer künstlerisch überschaubar wertvollen Rockmusik darbieten. Warum, frage ich mich?

Da treten laufend Bands aus den Genres Death Metal, Grindcore, „Fun Rock“ oder HipHop auf, die in ihren Texten hingebungsvoll Vergewaltigung, Inzest, Sexismus, Rassismus, muntere Zerstückelung und andere teils derbste Grauslichkeiten thematisieren (etwa das fröhliche Lied „Kill your mother, rape your dog“ von der Gruppe mit dem liebevollen Namen „Dying Fetus“), da scheint es das Problem der Bedenklichkeit jedoch nicht zu geben.

Es ist ja vermutlich auszuschließen, dass der einzige Unterschied ist, dass man im Gegensatz zum derben (ich vermeide bewusst den Begriff „proletoiden“) Singsang der Hinichen beim im Death Metal gängigen Gutturalgesang vom Text so gut wie nichts versteht. Ein einziger kurzer Blick auf die Homepages oder in die Booklets der jeweiligen Band würde immerhin schnell klar machen, worum es inhaltlich geht.

Dieses Argument wird zudem ohnehin spätestens bei den Rabauken von Rammstein nichtig, die sich gar in sauberstem Hochdeutsch in ihrem Sexismus und ihren Gewaltparolen suhlen, von einem Auftrittsverbot aber weiter entfernt sind, als so manche heimische Politiker von der Redlichkeit.

Wie bereits Eingangs kundgetan, vermisse ich nichts, wenn Die Hinichen auch weiterhin nur in kleinen, einschlägigen Spelunken ihr Band-Dasein fristen, aber es mutet einigermaßen seltsam an, mit wievielerlei unterschiedlichen Maßstäben gemessen wird, wenn es um „Kunst“ oder „Entertainment“ im weitesten Sinne geht.

Dies beschränkt sich demnach keineswegs auf Musik. Es gilt sinngemäß auch für die fragwürdige Coolness von Killern im Kino, Blutorgien von Hermann Nitsch oder Swinger-Events in der Sezession.

Die aufgeklärte Gesellschaft muss sich schlicht und ergreifend entscheiden, wieviel Freiheit die Kunst haben soll und darf. Jeder Eingriff in diese Freiheit hat einen bitteren Beigeschmack und darf in Folge dessen nur unter Einsatz höchster Bedachtsamkeit getätigt werden.

Bei den Wiener Proll-Rockern schießt man – meines bescheidenen Erachtens – dezent, aber merklich über das Ziel hinaus.

So man gerne ein starkes gesellschaftspolitisches Zeichen gegen Gewalt und Sexismus setzen möchte – was ja durchaus ein befürwortenswertes Ziel ist -, geht das auch auf sympathischere Weise. Eine Gegenveranstaltung mit hörenswerteren Bands, eine Kontaktaufnahme mit der Band oder dem Veranstalter, um etwa einen Teil der Einkünfte des Konzertabends Fraueneinrichtungen zukommen zu lassen oder auch die dringende Aufforderung, beim jeweiligen Lied klar und deutlich auf den „satirischen“(?) Charakter der Texte hinzuweisen. Alles Möglichkeiten, die Alternativen zu einem Auftrittsverbot böten und eine weniger moralinsaure Konnotation aufweisen.

Andernfalls endet die Reise womöglich – im worst case – dort, wo eine harmlose Girlie-Punkcombo aufgrund von etwas zu vorwitziger Kritik am Establishment prompt im Knast landet. Und dort will ich persönlich nicht hin…

Disclaimer: Der Autor hört leidenschaftlich gerne Brutal Death, Grindcore und Punk, zudem Martial Industrial und EBM. Keine dieser Musikrichtungen zeichnet sich (üblicherweise) durch hingebungsvolle Friedliebigkeit und Sanftheit aus. Der Autor zieht es jedoch vor, den (textlichen) Inhalten keinerlei Bedeutung beizumessen, da er andernfalls seinen musikalischen Horizont bei Ö3-Gedudel einpendeln müsste. Und das will er beim besten Willen nicht, der Autor!

UPDATE

Ich habe zu meinem Posting einiges negatives Feedback erhalten. Daher erlaube ich mir eine kurze Replik auf einige der wesentlichen Kritikpunkte.

Ich habe nirgendwo den Unsinn zu beschönigen versucht, den Die Hinichen in ihrer Musik (genauer gesagt: in ihren Lyrics) transportieren. Ich persönlich habe keinerlei Schwierigkeiten, wenn derlei „Kunst“formen möglichst unter der Wahrnehmungschwelle verbleiben. Ich bin auch keineswegs glücklich darüber, wenn Bands wie Die Hinichen mit Geldern der öffentlichen Hand darin unterstützt werden, ihre „Kunst“ unter die Menschen zu bringen.

Ich möchte auch klar betonen, dass ich keineswegs empört bin oder mich gar echauffiere, dass die Hinichen ein indirektes Auftrittsverbot erhielten. Ich möchte lediglich darauf aufmerksam machen, dass bei den Hinichen ein meines Erachtens übertrieben großes Aufsehen erregt wird, wohingegen bei unzähligen anderen Bands, die exakt die gleichen Inhalte verbreiten (wenn auch möglicherweise subtiler oder weniger vulgär), kein Hahn danach kräht.

Ich habe auch Alternativen aufgezeigt, die meines Erachtens einem impliziten Auftrittsverbot vorzuziehen wären.

Roland B. Seper

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2 Antworten

  1. blabla sagt:

    mal wieder einer, der (die texte von) rammstein nicht verstanden hat. daß das auf einen (groß?)teil der hörer vl. auch zutrifft, kann gut sein, ist aber nicht das thema. Dying Fetus kenn ich nicht, aber der titel alleine sagt wenig darüber aus, ob die band problematisch ist oder nicht. der text von frauenhaus jedenfalls ist für mich eindeutig keine provokante auseinandersetzung mit dem thema gewalt gegen frauen, insofern kann ich die kritik in richtung betreiber des gasometers nachvollziehen.

  2. fatmike182 sagt:

    Vollkommene Zustimmung… aber:
    Der Brief von Klaus Werner-Lobo fordert kein Auftrittsverbot, sondern schiebt das ganze auf die Finanzierungsschiene. Steuerlich subventionierte Veranstaltungsorte sollen solche Inhalte nicht aufführen dürfen.

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