Eine meiner liebsten Analysen nach einer Wahl betrifft jeweils die Verteilung der Stimmen nach Altersgruppe. Beide Altparteien verdienen sich dabei das erste Wort dieser Bezeichnung auf trefflichste Weise.
Die ehemaligen Groß- bzw. Systemparteien SPÖ und ÖVP tun sich zunehmend schwer, Jungwähler auf ihre Seite zu ziehen. Irgendjemand wird ihnen demnach mal die traurige Kunde überbringen müssen: Der demographische Wandel und das Ansteigen des Durchschnittstalters werden – aller Voraussicht nach – nicht ausreichen, diesem Trend etwas entgegenzusetzen.
Ich weiß gar nicht, was ihr alle mit dem armen und mutmaßlich höchst missverstandenen “Umwelt”minister Nikolaus Berlakovich habt. Es ist doch eigentlich schlau: Er lässt sich für ein völlig absurdes und seinem Mandat im Grunde widersprechenden Abstimmungsverhalten vereinnahmen (kaufen?), von dem er umgekehrt nicht einmal befürchten muss, dass es überhaupt in die Nähe einer Mehrheit kommt.
Nikolaus Berlakovich verdeckt auf diesem Bild übrigens nicht den ersten Buchstaben. Das ist bloß Zufall (Quelle: EPP)
Als Chemiekonzern und/oder Lobbyist, der einen solchen – pardon – Dodel in irgendeiner Form bzw. indirekt auf der Payroll hat, könnte ich mir etwaigen Unmut ja noch vorstellen, aber für alle Anderen ist es langweiliger provinzieller Unfug wie eh und je. Zugegeben; Berlakovich macht seine Sache außergewöhnlich dreist und/oder patschert, aber im Grunde bleibt es Bruxelles-Business as usual.
Und unsere Fau Thatcher-Wannabe im Finanzministerium hat auch ein bissi Ruhe von ihrem – mindestens doppelt so fragwürdigem – Bankgeheimnis-Herumgeeiere. Zudem wird sich die Wählerschaft bis zum Herbst ohnehin kaum an diese kleine Episode erinnern.
Je öfter ich darüber nachdenke, desto mehr frage ich mich, was mit dieser Verkehrspolitik, wie sie in Wien und dem Umland betrieben wird, eigentlich erreicht werden soll. Die Nutzung des Privat-PKW bleibt teuer und unpraktisch (was – objektiv betrachtet – durchaus in Ordnung ist), es gibt aber nach wie vor keine spürbaren Erleichterungen hinsichtlich Kosten oder gar Komfort bei der Nutzung der Öffis.
Zonenplan des VOR. Rot markiert die Kernzone 100, grob gesagt das Wiener Stadtgebiet. (Quelle: VOR)
Wien hat nach wie vor ein hervorragendes Netz öffentlicher Verkehrsmittel. Solange jedoch Pendler, die ein paar Ortschaften außerhalb der Kernzone 100 leben, alleine für das Durchqueren der auf den ersten Blick völlig willkürlich definierten Tarifzonen bereits ein Vielfaches eines einfachen Fahrscheines bezahlen müssen, wird der Umstieg nicht gerade schmackhaft gemacht.
Der Anachronismus des Flickenteppichs an Tarifzonen sollte ein ebenso rasches Ende finden wie die so genannte Pendlerpauschale selbst. Beides sind Relikte aus beinahe grauer Vorzeit, die den heutigen Gegebenheiten sowie den Anforderungen an ein modernes öffentliches Transportwesen nicht mehr entsprechen.
Der neue Papst ist gewählt und die Katholische Kirche hofft auf frischen Antrieb im Kampf gegen den Mitgliederschwund, das Abdriften in die folkloristische Bedeutungsarmut und in der Aufbereitung zahlreicher teils gravierender Skandale im Vatikan und weit darüber hinaus. Sein Vorgänger und Neo-Pensionist Benedikt XVI. hat meines Erachtens in dieser Hinsicht herzlich wenig beigetragen.
Ex-Pontifex Benedikt XVI geht primär aufgrund seines originellen Abgangs in die Geschichte ein (Bild: Giuseppe Ruggirello)
Hätte Benedikt XVI nicht so historisch bedeutungsschwanger abgedankt, von seinem Pontifikat bliebe vermutlich exakt nix außerhalb der ordnungsgemäßen Chronologien in staubigen Archiven hängen.
Hochintellektuelle Theologie und Morallehre, Verbandelung mit den Fundamentalisten (etwa Pius-Fraternität) und Exorzismusrevival sind zwar für gewisse Kreise der Kirche und vermutlich große Teile der Kurie ganz adrett, aber für einen Papst aller Katholiken weltweit vielleicht doch ein wenig dürftig. Die harten Gesichtszüge und der daraus resultierende teils scharfe Auftritt sind selbstverständlich nicht sein “Verschulden” und liegen zudem im Auge des Betrachters, aber der von manchen internationalen Medien gerne als “God’s Rottweiler” titulierte Ex-Pontifex galt ja gemeinhin als nicht gerade umgänglich.
Ein frauenfeindliches Zitat des neu gewählten Papstes geht seit Kurzem durch die Social Media (u.a. hier). Nach Bekanntwerden seiner – zweifelsfrei zitierfähigen – überwuzelten Einstellung gegenüber Homosexuellen (“Angriff auf den Plan Gottes”) oder Schwangerschaftsabbrüchen, gibt er auch mutmaßlich (die Authentizität des Zitates ist mittlerweile mehr als unklar!) auch hinsichtlich Geschlechterrollen zu verstehen, wie schlicht sein Weltbild gestrickt ist.
Papst Franziskus am Abend seiner Wahl
Das Kundtun von Zweifel an der Echtheit ist übrigens keineswegs unerwünscht. Ich freue mich vielmehr über etwaige Richtigstellungen! Einschränkend sei schließlich festgehalten, dass es trotz aller zur Verfügung stehenden Recherchemöglichkeiten gar nicht so einfach ist, die Authentizität eines solchen Zitats festzustellen. Ich erinnere an dieser Stelle an den großartigen Satz von Abraham Lincoln “The thing about quotes on the internet is that you cannot confirm their validity.”
Papst Franziskus I.: Theologisch gemäßigt, ultra-rechts, reformbereit, erzkonservativ, bescheiden, liberal, “back to the basics”, weltoffen, homophob, “Kardinal der Armen”, Sexist. Alles dabei, was man als Chef der römisch-katholischen Kirche so braucht.
Papst Franziskus I. alias Jorge Mario Bergoglio bittet die Gläubigen nach seiner Wahl um ihr Gebet
Die erstaunlich vielfältigen Eigenschaften, die dem Herrn Jorge “Menschenrecht ist relativ” Bergoglio in den diversen Kommentaren anlässlich seiner Wahl zum Chefhirten so zugeschrieben werden, weisen ja auf einen richtiggehenden Tausendsassa hin. Wir werden sehen, was er in seiner Amtszeit mit der Kirche so anricht… unternimmt.
Der beruhigende Aspekt der ganzen Angelegenheit ist und bleibt: Es ist – nüchtern betrachtet – sowas von wurscht. Der Einfluss, den die Kirche und in weiterer Folge deren Oberhaupt auf unser Alltagsleben hat, ist in unseren Breiten – so überhaupt erkennbar – maximal überschaubar. Diejenigen, die bisher im Glauben bzw. der Kirche Halt und Geborgenheit gefunden haben, werden dies auch weiterhin finden. Diejenigen, die Religion keinerlei Wert beimessen, werden ebenfalls weiterhin amüsiert auf das folkloristische Treiben der Kirchen blicken. Und all jene, die sich zwischen den beiden Polen bewegen, werden sich auf die eine oder andere Weise mit dem neuen Häuptling arrangieren.