Unsere „christlichen Werte“ sind in Gefahr!

Ich habe heute Morgen erstmals selbst beobachtet, wie Menschen, die – für mich – auf den ersten Blick als Flüchtlinge identifizierbar waren, auf der Autobahn(!) und entlang der Bundesstraße gingen.

Ich schätze, es waren insgesamt um die 50, die ich heute an unterschiedlichen Stellen zwischen Bruck/Leitha und Wien gesehen habe. Im strömenden Regen. Bei 15 Grad. Mit Shorts, kurzärmligen T-Shirts und Sandalen. Darunter mindestens 10-15 Kinder um bzw. unter 10 Jahren.

Unglaublich, aber Alltag in Traiskirchen (Bild: Anonym, Vice)

Unglaublich, aber Alltag in Traiskirchen (Bild: Anonym, Vice)

Begriffe wie „Wirtschaftsflüchtlinge“, „IS-Schläfer“ oder „Sozialschmarotzer“ bei solchen Anblicken in den Sinn zu bekommen, anstelle Mitleid zu empfinden, muss eine dieser glorreichen Errungenschaften unserer hochgelobten christlich-westlichen Kultur und Zivilisation sein, die diese Menschen auf dreisteste Weise gefährden.

„Ihr seid nicht willkommen!“

Heute gab’s in Traiskirchen Reis mit Schweinespeck als Mahlzeit für mehrheitlich muslimische Asylwerber. Batz’n Idee. Ich weiß schon; Religion sollte eigentlich in der verzweifelten Situation der Menschen dort eher zweitrangig sein, aber Viele klammern sich einfach an alles, was sie noch „haben“, auch wenn das „nur“ der Glaube selbst ist und das aus einer eher säkularisierten Sicht seltsam anmuten mag.

Update: ORS dementierte in einer telefonischen Rückfrage. Schweinefleisch werde demzufolge grundsätzlich nie serviert.

Warum man in Traiskirchen also nicht direkt am Eingang in allen denkbaren Sprachen ausschildert, dass man null Respekt vor den dort aufgenommenen Menschen zu zeigen bereit ist, ist eigentlich zunehmend verwunderlich.

Alles zielt darauf ab, die Situation so unwürdig zu belassen, wie sie ist und möglicherweise noch weiter zu verschärfen. Meine persönliche Vermutung: Um ein klares und unmissverständliches Zeichen zu setzen: „Ihr seid hier nicht willkommen!“

Ich habe übrigens von Einem, der es definitiv weiß (also nicht aus dritter Hand und „stille Post“, u.a. die „Anekdote“ berichtet bekommen, dass bei der Essensausgabe tagesaktuell gedruckte Listen mit den Namen der aufgenommenen Menschen aufliegen, auf denen dann abgehakt wird, wer bereits seine Nahrungsmittelration erhalten hat. Man stellt sich also an, die/der MitarbeiterIn sucht auf der Liste den Namen und markiert, wer schon da war.

Essensausgabe in Traiskirchen (Bild: Anonym, Vice)

Essensausgabe in Traiskirchen (Bild: Anonym, Vice)

Wie lange die Suche nach dem jeweiligen Namen bei einer derartigen Menschenmenge dauert (keine alphabetische Reihung, sondern gelistet nach – wenn ich das richtig in Erinnerung habe – Aufnahmedatum!), ist vielleicht nachvollziehbar. Und die Schlange der anstehenden Wartenden wird länger und länger. Im Regen genauso wie in direkter Sonneneinstrahlung bei 38+ Grad.
Auf die Anfrage der an der Essensausgabe stehenden MitarbeiterInnen, wieso man nicht irgendein ausgemustertes Notebook mit Excel-Liste dort zur Verfügung stellt, kam die lapidare Antwort des Vorgesetzten „Wird so nicht gewünscht. Geht doch eh so auch, oder etwa nicht?!“

Menschlichkeit? Blöd, die ist grad aus, sind ja Vorwahlzeiten….

Diejenigen, die mit einem klitzekleinen Handstreich und in kürzester Zeit das ganze Elend erheblich lindern könnten, schielen auf ein paar Prozentpunkte an Wählerstimmen, die sie dadurch bei einer der kommenden Regionalwahlen (möglicherweise) verlieren könnten und verweigern somit – bewusst und vorsätzlich, sprich eiskalt – den Menschen in allergrößter Not ein Mindestmaß an Würde.

Die anderen (Länder, EU-Staaten, wer auch immer) täten ja schließlich auch nix, heißt es dann.

Achievement unlocked.

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Roland B. Seper

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