Lebensmittelskandal: Nicht Fisch, nicht Fleisch

In Billig-Lebensmitteln, die mit „100% Rindfleisch“ etikettiert sind, findet sich 60 Prozent und mehr Pferdefleisch. Die Aufregung über den Etikettenschwindel ist enorm. Die erschreckenderen Aspekte an der Geschichte, die tatsächlich den Appetit verderben sollten, bleiben weitestgehend auf der Strecke.

Lasagne

Lasagne (Bild: jules:stonesoup)

Sind wir uns ehrlich: So gut wie jeder Bewohner einer Industrienation, der nicht aus unterschiedlichen Gründen von Geburt an vegetarisch ernährt wurde, hat irgendwann bereits Pferdefleisch zu sich genommen. Darüber hinaus hatten viele schon Esel (Salami), Kaninchen und andere drollige Tierchen auf dem Teller oder in der Semmel. Den Allermeisten schmeckt das auch ganz gut, teils gelten Fleischarten abseits der drei meistkonsumierten (Schwein, Rind, Huhn) gar als besondere Delikatesse.

Es ist aber bekanntlich eine – nicht ganz uninteressante – Eigenschaft der meisten Menschen, massive Unterschiede zwischen den unterschiedlichen zum Verzehr geeigneten Tieren zu machen. Rinder, Schweine und Hühner werden tonnenweise konsumiert, bei Pferdchen, Kaninchen, Kalberln oder Hunden sträuben sich die Menschen vor dem kulinarischen Genuss. Selbstverständlich gibt es eine Reihe von gut nachvollziehbaren Erklärungsmodellen für diese objektiv betrachtet eher seltsame Ambivalenz.

Aber das ist ein ganz anderes Thema und ich möchte an dieser Stelle nicht weiter darauf eingehen.

Worum geht es also tatsächlich bei dieser Farce rund um die Lasagne, deren Fleischanteil nicht dem entspricht, was auf der Verpackung deklariert wird?

Zum Einen wird wieder einmal augenscheinlich, wie rückenmarkgesteuert Reaktionen auf solcherlei Meldungen ablaufen. Seit einigen Tagen steht fest, dass von den betroffenen Produkten wenig bis nichts in Österreich oder Deutschland beim Einzelhandel ankam, die allgemeine Panik und Skandalrhetorik bleibt davon aber völlig unbeeindruckt. Laut aktuellem Kenntnisstand sind die betroffenen Länder auf Großbritannien, Frankreich und Schweden beschränkt.

Zum anderen geht es darum, dass der Hersteller der inkriminierten Ware, der britische Tiefkühlproduzent Findus, Lebensmittel aus Grundstoffen herstellt, dessen enorme Logistik- und Produktionskette er lediglich in groben Zügen überblickt. Er kauft Fleisch von einem französischen Unternehmen namens Comigel, welche wiederum von der ebenso in Frankreich beheimateten Spanghero beliefert werden, um bei der Luxemburger Tochter Tavola zu Lasagne, Burgern und dergleichen weiterverarbeitet zu werden. Ab da wird der Weg des Fleischs bereits so nebulös, dass offiziell zur Sicherheit nur noch von einem „rumänischen Zulieferer“ gesprochen wird. Bezeichnend ist auch, dass Findus Anzeige „gegen Unbekannt“ erstattet, was schlussendlich nur ein weiteres Indiz für den faszinierenden Umstand ist, dass tatsächlich nicht zweifelsfrei klar ist, wo das Fleisch herkommt, das in den Tiefkühlgrauslichkeiten verwurstet ist.

Ebenfalls bemerkenswert ist der Umstand, dass die Findus’sche Qualitätssicherung (respektive die des tatsächlichen Produzenten Comigel/Tavola) nicht einmal selbst bemerkt, was für eine Fleischsorte da verarbeitet wird (etwa durch hauseigene Stichproben, etc.). Erst routinemäßige Untersuchungen der britischen Lebensmittelaufsicht Food Standards Agency (FSA) brachten Licht ins Dunkel.

Schuld sind – voilà – die Märkte! Wer sonst…?

Wiederum aus einer anderen Perspektive betrachtet könnte man selbstverständlich schnell in ein oberflächliches Kapitalismus- oder Globalisierungsbashing verfallen. Schließlich wird eine solche Entwicklung enorm begünstigt, wenn Logistikaufwendungen adimensional billig sind, wohingegen die Herstellung von qualitativ hochwertigem Fleisch in Österreich, Deutschland oder Frankreich gar nicht erst zu wettbewerbsfähigen (Diskont-)Preisen möglich ist. Man kann also gerne „die Märkte“ dafür verantwortlich machen, dass Nahrungsmittel zwar billig sind, aber in vielen Fällen erschreckend minderwertig.

Ich halte diese Betrachtung übrigens durchaus für korrekt, einzig die Kausalkette erscheint mir unsauber interpretiert.

Die Ursache liegt ja keineswegs zuletzt darin begraben, dass viel zu viele Konsumenten tatsächlich weitestgehend der Ansicht sind, dass Fleisch, das mit einem Kilopreis von 3 oder 4 Euro im Diskonterregal liegt, von Tieren stammt, die ein fröhliches Leben ohne irgendwelche Entbehrungen führen, bevor sie nach einer Ayurvedamassage sanft eingeschläfert werden und mit einem tierischem Äquivalent zum Lächeln auf den Lippen ins Jenseits gleiten, um bereitwillig als Delikatesse im Menschengedärm ihre diesseitige Erfüllung zu finden.

Es mag das eine oder andere Gütesiegel geben, dem man sogar halbwegs Vertrauen schenken kann, aber selbst der Aufdruck „Made in Austria“ besagt beispielsweise nichts anderes, als dass lediglich 50 Prozent der Gesamtwertschöpfung eines Produkts in Österreich stattgefunden haben müssen (siehe Definition bei qualityaustria.com). So bleibt es an der Tagesordnung, dass rumänische Schweine von einem österreichischen Spediteur nach Polen transportiert werden, wo sie geschlachtet werden, um bei einem italienischen Tiefkühlhersteller in Schnitzerl geschnitten zu werden, die dann in Österreich mit ungarischen Eiern paniert werden, um schlussendlich mit Rot-Weiß-Rotem Mascherl beim Billiganbieter verkauft zu werden.

Besser, als wie man denkt? Naja.

Wenn man nicht stutzig wird, wenn Fleisch quasi um einen Apfel und ein Ei angeboten wird, dann kann nur schwer abseits von Informationsbereitstellung geholfen werden. Die Menschen haben längst das Gespür dafür verloren, was „vernünftige“ Preise für bestimmte Güter sind. Und das gilt selbstverständlich nicht nur für Lebensmittel.

Ich erinnere mich noch sehr gut an die Dokumentation über das beinahe groteske Business des Textildiskonters Kik. Damals im Herbst 2010 gab es nach Ausstrahlung des Films große Aufruhr, wie grausam die Methoden Kiks seien und wie miserabel mit den Arbeitern umgegangen wird, die die widerlichen Fetzen herstellen, die in den versifften Kik-Filialen feilgeboten werden. Nun, sonderlich nachhaltig dürfte die Aufregung bekanntlich nicht gewesen sein, nachdem die Unternehmenszahlen von Kik nach wie vor nach oben tendieren (rund 1,7 Mrd. Euro Umsatz, bald 3000 Filialen in ganz Europa). Der Mensch vergisst eben gerne schnell.

Viel zu vielen Menschen ist einfach nach wie vor nicht bewusst, dass beispielsweise ein T-Shirt niemals unter seriösen Bedingungen über die gesamte Produktion hinweg mit einem Endkundenpreis von unter 25 Euro über den Ladentisch gehen kann – und selbst das ist noch extrem optimistisch oder wohlwollend geschätzt. Bei Kik kostet es irgendwo bei drei, vier oder fünf Euro.

Das gilt sinngemäß auch für Tiefkühlfleisch. Ein Kilogramm Faschiertes um 2 Euro ist einfach nicht drin, wenn ich faire Konditionen für alle Beteiligten möchte, mir ökologisch mehr oder weniger einwandfreie Produktion wünsche und zudem vielleicht noch Wert auf regionale Wertschöpfung lege.

Fazit: Face it.

Ein Unternehmen wie Findus nimmt in einer solchen Situation lediglich den Platz am Pranger ein. Der Bauer schmeißt faules Gemüse, blökt „Hängt ihn höher!“ und freut sich, dass er nicht selbst wegen seiner eigenen Gier dort vorne darbt. Die Obrigkeit beobachtet belustigt, aber maximal halbherzig und nur aus der Distanz das Spektakel. Die anderen Findusse stehen währenddessen ein kleines Stück abseits und pokern darum, wer der nächste sein wird, der dem Volk als Sündenbock und zur Ablenkung von den wirklich dramatischen Dingen dargebracht wird.

Sollte also ein „Schuldiger“ gesucht werden, würde ich mich primär an die Politik wenden, sekundär an die Glaubensgemeinschaft der orthodoxen Kapitalisten und erst tertiär an einzelne Produzenten, die letztlich nur exekutieren, was die Konsumenten mittels Kaufverhalten einfordern. An vierter, aber dennoch entscheidender Position kommt der Konsument selbst, der sich der „Geiz ist geil“-Mentalität entweder nicht entziehen kann – oder auch will.

Die Politik steht an erster Stelle, weil sie für wesentliche Grundvoraussetzungen verantwortlich ist: Einerseits durch die Schaffung der Möglichkeiten (und in weiterer Folge Unterlassung einer Verbesserung), dass für den Wohlstand der Industrienationen der Rest der Welt offen versklavt und systematisch ausgeraubt wird (um nicht zu sagen: werden muss), und andererseits dadurch, dass es viel zu viele Menschen in ebendiesen Industrienationen gibt, die sich aufgrund der prekären Einkommensverteilung nichts besseres leisten können als Billigfleisch und Diskontklamotten.

Der zweite Platz geht bewusst an „die Märkte“, da sich die relevanten Teilnehmer bewusst die katastrophalen politischen Entwicklungen zu Nutze machen und mit teils menschenverachtender Methodik den Profit erwirtschaften, den ihre – sich dieser Tatsache natürlich völlig bewussten – Shareholder erwarten.

Klar ist, dass die Gesamtheit der Konsumenten Änderungen herbeiführen oder gar erzwingen könnte, vorausgesetzt es gäbe – und das natürlich völlig illusorisch – so etwas wie eine Homogenität dieser Gruppe. So lange einerseits das Bewusstsein nur bei einer verschwindenden Minorität gegeben ist und andererseits die vielzitierten „99 Prozent“ nicht einmal eine realistische Chance haben, einen höheren Preis für höherwertige Waren dem Kauf beim Billiganbieter vorzuziehen, wird es keine großflächige Umwälzung im Kaufverhalten geben können.

Aus diesem Grund kann dem überwiegenden Großteil der Menschen diese Verantwortung auch gar nicht umgehängt werden. Die Politik und „die Märkte“ können sich eben dieser Verantwortung nicht legitim entziehen.

Win-Win-Situationen sehen anders aus.

Roland B. Seper

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1 Antwort

  1. 21. Februar 2013

    […] ich bereits kürzlich in einem Posting geschrieben habe, ist der derzeit so medienwirksame Fleischskandal nichts anderes, als ein […]

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